Michel Parisse

Michel Parisse (1. Mai 1936-5. April 2020)
 
1936 in Void-Vacon in der Meuse geboren, Michel Parisse besuchte das Gymnasium in Nancy. Nach der Agrégation d'histoire, lehrte er zunächst in einem Gymnasium in Metz und 1965 bekam eine erste Assistentenstelle an der Universität Nancy am Lehrstuhl von Jean Schneider. Dort verteidigte er 1975 seine Thèse d'Etat (damalige Habilitation in Frankreich) und kurz danach bekam er eine Professur für mittelalterliche Geschichte. In Nancy leitete er ein Forschungszentrum für die Geschichte und die Edition mittelalterlicher Texte (ARTEM). Von 1985 bis 1991 leitete er die Mission Historique Française en Allemagne in Göttingen, wo er zahlreiche Kolloquien und Tagungen zusammen mit dem Max-Planck Institut für Geschichte veranstaltete und somit die wissenschaftliche und historiographische Zusammenarbeit zwischen der französischen und der deutschen Mediävistik entscheidend verstärkte. Ab 1993 hatte er einen Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Universität Paris I Panthéon-Sorbonne inne, bis zur seiner Emeritierung 2002. Am 05.04. starb er an den Nachfolgen einer Erkrankung durch das Corona-Virus.  Er war Mitglied der Akademien der Wissenschaften von Mainz und von Göttingen und des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte.
 
Seine thèse d'Etat behandelte die Geschichte des  Adels in Lothringen (11.-13. Jahrhundert) und wurde 1982 unter dem Titel Noblesse et chevalerie en Lorraine médiévale : les familles nocbes du XIe au XIIIe siècle in Nancy veröffentlicht. Das mittelalterliche Lothringen blieb sein ganzes Leben lang seine wissenschaftliche Heimat. Dort konnte er die Begegnung und die Mischung der sozialen und territorialen Entwicklungsmodelle des Adels und der königlichen und fürstlichen Macht zwischen dem Königreich Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich beobachten. Nach seiner Göttinger Jahre etablierte er sich als ein der besten und profundesten französischen Kenner der deutschen Geschichte im Mittelalter. Dazu hat er zwei klassischen Handbücher verfasst: De la Meuse à l’Oder : l’Allemagne au XIIIe siècle, Paris, 1994 und Allemagne et Empire au Moyen Âge, Paris, 2002.  Ein zweites Forschungsfeld seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war das religiöse Leben der Klöster, besonders das monastische Reform im Hochmittelalter, im besonderen in Gorze und Morimond. Das Leben der Nonnen in den weiblichen Klöstern war auch ein seiner beliebtesten Forschungsthemen. Parallel dazu pflegte er Quellen zu editieren, von den Briefen von Frothaire de Toul (ca. 813-847) bis hin zu den Diplomen von Thiébaut Ier, Herzog von Lothringen. Er hat auch vehement den Unterricht des Mittellateins in den Universitäten verteidigt und unterstützt indem er dazu drei unersetzliche Hilfsbände herausgegeben hat:  Apprendre le latin médiéval, 1996 ; Traduire le latin médiéval, 2003 ; Lexique Latin-français. Antiquité et Moyen Âge, 2006. Seine Schüler, seine Kollegen und Freunden erinnern sich an ihn als einen anspruchsvollen aber immer grosszügigen und hilfsbereiten Professor und Forscher. Er plädierte auch für ein verstärktes Engagement der Berufshistoriker in den Medien und in der Öffentlichkeit, denn er war überzeugt dass das Verständnis der Vergangenheit und im besonderen des langen Mittelalters uns in einer komplexen und immer beschleunigten modernen Welt viel zu sagen hatte. Der französische Mediävistenverband (SHMESP) und die Université Paris I Panthéon-Sorbonne werden in diesem Herbst sein Gedächtnis und sein wissenschaftliches Oeuvre dementsprechend würdigen.