50. Jahreskongress der SHMESP: „Die Stimme im Mittelalter“

50. Jahreskongress der SHMESP: „Die Stimme im Mittelalter“

30.05.2019 (Ganztägig) bis 02.06.2019 (Ganztägig)
Campus Westend, Goethe-Universität Frankfurt, Norbert-Wollheim-Platz 1, 60323 Frankfurt am Main

 

Zwanzig Jahre nach dem Kongress des französischen Mediävistenverbandes in Göttingen im Jahr 1999 zum Thema „Der Fremde im Mittelalter“, empfängt das an der Goethe-Universität Frankfurt beherbergte und aus dem Institut Français d’Histoire en Allemagne (IFHA, 2009-2015) sowie dessen Vorgänger, der Mission Française en Allemagne Göttingen (MHFA, 1977-2009) hervorgegangene Institut Franco-Allemand de Sciences Historiques et Sociales Frankfurt (IFRA-SHS) von Donnerstag, dem 30. Mai bis Sonntag, dem 2. Juni 2019 den Jahreskongress der SHMESP, der zugleich mit dem 50jährigen Jubiläum der Gründung des Verbandes zusammenfällt.

Das Thema des Kongresses lautet „Die Stimme im Mittelalter“. Es trägt einer den Problematiken von Mündlichkeit und dem Dialog mit der Musik, Archäologie und Literatur geöffneten mittelalterlichen Geschichte Rechnung.

Das vorgeschlagene Tagungsthema lautet: „Die Stimme im Mittelalter“. Ohne dieser Überschrift einen Untertitel beigefügt zu haben, verstehen sich folgende drei Situationen oder Konfigurationen als ganz selbstverständlich in ihr inbegriffen: sprechen, singen, schweigen. Die Wahl des Themas resultiert nicht nur aus dem Fehlen eines Eintrags zur Stimme in den einschlägigen mediävistischen Lexika sowie in den Forschungsreihen, in denen man die Präsenz des Themas gleichwohl erwarten könnte. Ebenso wenig erklärt sich die Entscheidung allein durch ihre Neuartigkeit im Hinblick auf die in der Vergangenheit bereits auf den Kongressen der Gesellschaft behandelten Themen. Die Wahl der Stimme als Untersuchungsgegenstand bringt auch, oder vielleicht sogar vor allem, die Kenntnisnahme der jüngsten Ansätze und neuesten Forschungen zum Ausdruck, die sich der Präsenz sowie den Kennzeichen von Mündlichkeit in der Schriftlichkeit widmen, der Musik und ihrer „Produktion“, akustischen Landschaften, dem Rufen, Schreien und anderen klanglichen Ausdrücken von Emotionen, ebenso wie Rhythmen, Praktiken des Lesens, Skandierens oder melodischen liturgischen Rezitierens, oder auch Spielen, Schauspielen, usw. Sie befassen sich also gleichsam mit allen Kontexten und Umständen, die Stimme produzieren sowie mit dem, was durch Stimme abgebildet, ausgestoßen oder lauthals herausgeschrien wird, ohne jedoch die Verweigerung oder den Verzicht ihres Ausdrucks durch die Stille zu vernachlässigen. Vor diesem Hintergrund kann die Untersuchung einer spezifischen Ordnung der Stimmlichkeit und der Verstimmlichung im Mittelalter deshalb in einer gleichermaßen interdisziplinären wie anthropologischen Vorgehensweise unternommen werden. Die Thematik hat zugleich den Vorzug, für die lateinische, muslimische, jüdische und byzantinische Welt betrachtet werden zu können sowie über die gesamte Zeitspanne des mittelalterlichen Jahrtausends.

Das Thema, das es nicht zu verwechseln gilt mit dem Lärm oder dem Geräusch sowie der Musik an sich, ebenso wenig wie mit dem gesprochenen Wort (auch wenn die Stimme einige dieser Aspekte hervorzurufen vermag), deckt alle Formen und Facetten stimmlicher Mündlichkeit ab – zwangsläufig auch im Spannungsfeld mit ihrer Verschriftung. Es beinhaltet zudem die Gesamtheit aller Dimension und Situationen, die Gesang, deklamierte Poesie, Spiel, Predigten und das Predigen, das Bekanntmachen des Wortes einer Autorität usw. einschließen, aber auch Dimensionen und Situationen erlittener oder gewählter Stille – gewählt oder erlitten etwa von Mönchen und Einsiedlern, von Gotteslästerern und zum Entfernen ihrer Zunge Verurteilten, von Wundergeheilten, die ihre Sprache wiederfinden, oder von Stummen und Gehörlosen. All diese Aspekte lassen zudem ein auf geschlechterhistorische Fragestellungen ausgerichtetes Verständnis zu. Indem es die Untersuchung der Träger und Inhalte der Stimme verbindet, verlangt das Thema nach Ansätzen, die die Disziplinen und Methoden der Geschichte, Anthropologie, Musikologie, Linguistik, Literatur, Architektur, der Kunst und der Archäologie verflechten. Ebenso ist es von größter Wichtigkeit die Untersuchungen und Fragen nicht von den Räumen und materiellen Mitteln, Vorrichtungen und Instrumenten zu lösen, die zum Hören, Verstärken oder Begrenzen von Stimme bestimmt sind. Dabei wird darauf Acht gegeben, den physischen Ansatz der Stimme nicht aus der Untersuchung auszuschließen. Dieser stellt sich insofern bereits als in sich komplex dar, als es kein der Stimme oder dem Gesang eigenes Organ gibt. Vielmehr setzen die damit verbundenen Prozesse gleichsam den Verdauungsapparat – Larynx, Zunge, Zähne, Mund, usw. –, den respiratorischen Apparat – Nase, Lungen, Thorax – den auditiven Apparat sowie zuletzt die Mechanismen des Fühlens in Bewegung. Nun ist allerdings bekannt, dass das Mittelalter Erklärungen und Vorstellungen zur Physik und Physiologie der Stimme geschaffen hat, in denen die Seele und der Körper eng miteinander verbunden sind (ist die Stimme nicht im Übrigen genau der „Ort“ an dem sich diese beiden besonders artikulieren?) und die einer Werteskala der fünf Sinne folgen, in der sich das Hören dem Sehen als direkt nachgeordnet wiederfindet.

Mehrere Schwerpunkte werden die Vielfalt der Ansätze und Interpretationen des Themas umfassen und zusammenfassen:

  1. Herkunft, Orte und Ausdruck der Stimme (Bezeichnung, Werte, Attribute, Beschreibung und Funktionsweisen, aber auch Wiederholung und Verstärkung, auch im Hinblick auf materielle Aspekte)
  2. Autorität(en) der Stimme (im dreifachen Sinne: Garantie, Authentizität und Macht)
  3. Disziplinen der Stimme
  4. Stimme und Texte oder Zeugnisse von Stimme

Die 22 im Programm vorgesehenen Vorträge stellen sich um drei große Achsen auf: Stimme produzieren, reproduzieren und niederschreiben (Stimme zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit); Stimme und Macht (Stimme zwischen Ordnung und Unordnung); Stimme kontrollieren und modulieren (Stimme zwischen Gesang und Stille). Unter den Vortragenden nehmen auch vier Kollegen aus deutschen Universitäten an diesem Austausch teil. Der Kongress wird in Anwesenheit des Präsidiums der Goethe-Universität, des Präsidenten des deutschen Mediävistenverbandes und der Präsidentin des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands eröffnet.

Die Exkursion führt die Kongressteilnehmer nach Lorsch und Speyer, zwei als UNESCO-Weltkulturerbe ausgewiesene Orte, die Frühmittelalter (Lorsch) und hochmittelalterliches Reich (Dom von Speyer, Grablegen der Salier) sowie jüdisches Leben und im Spätmittelalter etablierte jüdische Gemeinschaften (Speyer) verbinden. Die Besichtigungen an den Abenden der Tagung drehen sich um die neue mittelalterliche Stadt im Herzen Frankfurts, das Historische Museum der Stadt, das Archiv (Goldene Bulle) sowie um das Karmeliterkloster (Kreuzgang, Refektorium, Fresken) für das Bankett am Samstagabend (mit einem Konzert Gregorianischer Gesänge).

Der Kongress wird finanziell von der französischen Botschaft in Berlin, der École des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris, der Goethe-Universität und der Stiftung von Förderern und Freunden der Goethe-Universität in Frankfurt unterstützt.

 

Freier Eintritt zum wissenschaftlichen Teil der Tagung, Donnerstag den 30.05.2019 von 14.00 bis 18.30 Uhr und Samstag den 01.06.2019 von 09.30 bis 17.00 Uhr, Hörsaalzentrum 10 der Goethe-Universität, campus Westend, und am Freitag den 31.05.2019 von 09.00 bis 17.45 Uhr, im Foyer des PA Gebäudes der Goethe-Universität, campus Westend. Anmeldung ist nicht nötig